Das Adressbuch des Internets — und warum „digitale Souveränität“ eine gefährliche Fantasie ist”

Wenn ein Register nur ein Adressbuch ist, was kontrolliert „digitale Souveränität“ dann tatsächlich?

Illustration eines aufgeschlagenen blauen Adressbuchs mit einem Straßenplan; hinter seinen Seiten erhebt sich eine weiße Stadt.

Ein Adressbuch hilft dabei, ein Haus zu finden. Es macht denjenigen, der es führt, nicht zum Eigentümer der Stadt.

Über das Internet wird oft gesprochen, als wäre es ein Territorium, das man besitzen, kontrollieren oder erobern könnte. Das ist ein grundlegendes Missverständnis.

Ein hilfreicher Vergleich ist eine Stadt. Jedes Haus braucht eine Adresse, damit Menschen, Post und Dienstleistungen es erreichen können. Im Internet sind Computer und Netzwerke die Häuser, und IP-Adressen sind deren Anschriften. Wenn die Stadt wächst, muss jemand ein neutrales Adressbuch führen — schlicht festhalten, wer welche Nummer nutzt, damit der Datenverkehr sein Ziel findet.

Das ist die einzige Funktion regionaler Internet-Registrierungsstellen, der Regional Internet Registries. AFRINIC ist im Fall Afrikas nichts anderes als das: ein Adressbuch.

Wer ein Adressbuch führt, besitzt nicht die Häuser.

Er kontrolliert nicht die Straßen.

Er erteilt den Bewohnern keine Befehle.

Er verzeichnet Nummern.

Sobald man das verstanden hat, bricht die Rhetorik der „digitalen Souveränität“ in sich zusammen. Die Vorstellung, man könne durch die Kontrolle über AFRINIC das afrikanische Internet kontrollieren, ist gleichbedeutend mit dem Glauben, ein gestohlenes Telefonbuch verleihe Macht über jedes Telefongespräch. Das ist nicht nur falsch, sondern schon im Ansatz kindisch.

AFRINIC betreibt nicht das Internet. Es kontrolliert weder Länder noch Netze noch Nutzer. Es funktioniert nur, weil Netzwerke freiwillig mit einer neutralen Registrierungsstelle zusammenarbeiten. Sobald es seine Neutralität verliert, verliert es das Vertrauen — und damit seine Funktionsfähigkeit.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil es in den vergangenen Jahren Versuche gab, AFRINIC unter dem Banner der „digitalen Souveränität“ zu politisieren. Der Ausdruck klingt mächtig, beschreibt aber eine Fantasie. Afrika ist keine einheitliche politische Entität. Es besteht aus 54 souveränen Staaten mit unterschiedlichen Rechtssystemen, widerstreitenden Interessen und in vielen Fällen offener geopolitischer Feindseligkeit untereinander. Die Vorstellung, ein solcher Kontinent könnte eine zentralisierte „oberste digitale Autorität“ akzeptieren, geht an der Realität vorbei.

Noch wichtiger ist, dass das Internet selbst strukturell mit dieser Vision unvereinbar ist. Es wurde als dezentrales, erlaubnisfreies und widerstandsfähiges System konzipiert, gerade weil kein einzelner Akteur ihm Befehle erteilen kann. Der Versuch, einer Adressregistrierungsstelle politische Kontrolle von oben aufzuzwingen, schafft keine Souveränität; er zerstört Vertrauen. Und ohne Vertrauen zerfällt das Internet.

Unser Engagement bei AFRINIC folgte dieser Logik, nicht einer politischen Agenda. Als IP-Adressen, über die Hunderte Millionen Endnutzer versorgt wurden, ohne Rechtsgrundlage der Entzug drohte, ging es nicht um Strategie, sondern darum, Schaden abzuwenden. Als bei AFRINIC ein Führungsvakuum entstand, ging es nicht um Macht, sondern um das Überleben der Institution. Und als politische Einflussnahme begann, die gerichtlich angeordnete Neutralität zu beeinträchtigen, wurde daraus eine verfassungsrechtliche Frage: Gewaltenteilung ist nicht optional, wenn eine Institution glaubwürdig bleiben soll.

AFRINIC kann nur als neutraler Bibliothekar bestehen. Sobald es als Instrument staatlicher Ambitionen oder kontinentaler Vorherrschaft behandelt wird, wird es für genau die Netze nutzlos, denen es dienen soll.

Man regiert das Internet nicht durch Befehle.

Man baut es nicht mit Gewalt auf.

Und man erreicht keine „digitale Souveränität“, indem man ein Adressbuch politisiert.

Das Internet funktioniert, weil es niemandem gehört. AFRINIC funktioniert nur, wenn es sich daran erinnert.