Artikel der RedaktionWeitere Artikel

Ein Überblick über die Internet-Governance

Wer darf für die Netze entscheiden, die uns verbinden? Ein Einstieg in die Internet-Governance, ihr Autoritätsproblem und den von Lu Heng vorgeschlagenen Weg.

Inhalt

Eine technische Werkbank, ein Besprechungstisch und ein Schreibtisch zur Aktenführung stehen neben einem blauen Kabel, das zwei Miniaturgebäude verbindet.

Technische Standards festzulegen, über Regeln zu diskutieren und Register zu führen, sind unterschiedliche Aufgaben. Wer eine davon erfüllt, erhält dadurch nicht automatisch Entscheidungsbefugnis über die anderen.

Ein Raum voller Menschen kann darüber diskutieren, wie das Internet funktionieren sollte. Das sagt uns noch nicht, wer ihnen erlaubt hat, für alle anderen zu entscheiden.

Beginnen wir mit einem örtlichen Internetanbieter. Er kauft Geräte, schließt Haushalte an und geht ans Telefon, wenn der Dienst ausfällt. Stellen Sie sich nun vor, eine andernorts getroffene Entscheidung verändert, wie andere Netze seine IP-Adressen anerkennen. Die Folgen tragen der Anbieter und seine Kunden. Wer hat die Entscheidung autorisiert, und wer ist verantwortlich, wenn sie schiefgeht?

Diese Frage wirft Lu Heng im Zusammenhang mit der Internet-Governance auf. Um seine Argumentation zu verstehen, muss man zunächst drei Dinge auseinanderhalten: nützliche technische Arbeit zu leisten, an einer Diskussion teilzunehmen und befugt zu sein, für jemand anderen zu entscheiden.

Was ist Internet-Governance?

Internet-Governance umfasst die Entscheidungen und Regelungen, die prägen, wie das Internet funktioniert: technische Standards, Namen und Nummern, Netzbetrieb, staatliche Politik und die Regeln von Onlinediensten. Keine einzelne Organisation steuert das alles.

Die Aufgaben unterscheiden sich. Netzbetreiber verbinden ihre Systeme und transportieren Datenverkehr. Die IETF entwickelt technische Standards, deren Anwendung freiwillig ist; sie betreibt das Internet nicht und überwacht auch nicht die Einhaltung seiner Regeln. Die IANA-Funktionen koordinieren Domainnamen, Nummernressourcen und Protokollparameter, jeweils auf Grundlage unterschiedlicher Regelungen. Fünf regionale Internetregistrierungsstellen – AFRINIC, APNIC, ARIN, LACNIC und RIPE NCC – erbringen in ihren Regionen Dienste für Nummernressourcen.

Ein Forum hat wiederum eine andere Aufgabe. Das Internet Governance Forum bringt Menschen zum Austausch zusammen; es handelt keine verbindlichen Beschlüsse aus. Regierungen und Gerichte üben innerhalb ihrer Zuständigkeiten staatliche Gewalt aus. All diese Tätigkeiten „Governance“ zu nennen, macht ihre Befugnisse nicht austauschbar.

An einer Diskussion teilzunehmen ist nicht dasselbe wie eine Entscheidung zu autorisieren

Der Multistakeholder-Ansatz lädt Regierungen, Unternehmen, Fachleute aus der Technik, die Zivilgesellschaft und andere zur Diskussion ein. Ihr Wissen und ihre Einwände können eine Entscheidung verbessern. Doch wer von einer Entscheidung betroffen ist, ist dadurch nicht automatisch befugt, sie im Namen einer anderen Person zu treffen.

In Notiz 73 argumentiert Lu Heng, das Modell habe geholfen, bestimmte Formen staatlicher Kontrolle zu vermeiden, dann aber zugelassen, dass Beteiligung an die Stelle eines Mandats trat. Sein Einwand richtet sich nicht dagegen, mehr Stimmen anzuhören. Er richtet sich dagegen, einen Raum voller Teilnehmer so zu behandeln, als verkörpere er alle Menschen, über deren Interessen dort gesprochen wird.

Ein Vertreter kann von einem Arbeitgeber, einem Mitgliederverband oder einer Regierung bevollmächtigt sein. Entscheidend ist der Umfang dieser Vollmacht. Netze auf einem ganzen Kontinent zu betreuen, befugt eine Institution für sich genommen nicht dazu, für diesen Kontinent zu sprechen. Ein Beratungsausschuss wird nicht zur Stimme aller Internetnutzer, nur weil er sich so bezeichnet.

Wer trägt die Kosten, wenn eine Entscheidung scheitert?

Kehren wir zu dem Anbieter zurück, der diese Haushalte anschließt. Eine verzögerte Übertragung oder ein umstrittener Ressourceneintrag kann technische Zusatzarbeit, aufgeschobene Investitionen und Unsicherheit für Kunden bedeuten. Diejenigen, die die Verwaltungsentscheidung treffen, müssen möglicherweise nicht dieselben Verluste tragen.

Lu Heng bezeichnet dies in Notiz 32 als Prinzipal-Agent-Problem: Eine Verwaltungsstelle kann durch die Ausweitung ihrer Rolle an Einfluss gewinnen, während die Betreiber die Kosten dieser Ausweitung tragen. Eine gut besuchte Sitzung beseitigt dieses Missverhältnis nicht.

Das bedeutet nicht, dass eine Registrierungsstelle jeden Router kontrolliert. Es bedeutet, dass die Kontrolle über Einträge, auf die Netze angewiesen sind, wirtschaftliche und betriebliche Folgen haben kann. Diese Folgen sind der Grund, nach den Grenzen der Befugnisse einer Verwaltungsstelle zu fragen.

Die Lösung: Koordination nützlich und ersetzbar machen

Manche Aufgaben müssen gemeinsam erledigt werden. Adresseinträge müssen konsistent sein. Widersprüchliche Zuweisungen müssen erkannt werden. Andere Netze brauchen eine verlässliche Möglichkeit zu überprüfen, wer über eine Ressource verfügt.

Der von Lu Heng vorgeschlagene Weg begrenzt diese gemeinsame Arbeit auf einen engen Aufgabenbereich. Betreiber sollten über überprüfbare Einträge verfügen, die Anerkennung ihrer Ressourcen zu einem anderen Dienstleister mitnehmen und einen ausgefallenen Registrierungsdienst ersetzen können, während ihre Netze weiterlaufen. Die Verwaltungsstelle dient dem System; das System sollte nicht davon abhängen, eine bestimmte Verwaltungsstelle unbegrenzt zu erhalten.

Der Unterschied ist praktisch relevant. Mehr Menschen zu einer Sitzung einzuladen, verändert, wer zu Wort kommt. Portabilität verändert, was ein Ressourceninhaber tun kann, wenn der Dienst nicht mehr funktioniert. Beides kann wichtig sein, aber das eine kann das andere nicht ersetzen.

Eine neue globale Instanz würde dieselbe Abhängigkeit in größerem Maßstab fortführen. Die in diesen Notizen entwickelte Alternative ist eine dezentrale Koordination auf Grundlage gemeinsamer Standards, nicht eine andere Institution mit derselben unkontrollierten Macht.

Warum den Wandel vor einer Krise angehen?

Kunden brauchen ihre Verbindungen auch dann, wenn eine Institution in Schwierigkeiten steckt. Betreiber können nicht sämtliche Dienste aussetzen, während ein Streit über die Governance seinen Lauf nimmt. Vorkehrungen für einen Wechsel und die Fortführung des Betriebs müssen erprobt werden, solange das bestehende System noch funktioniert.

Das Plädoyer für Veränderung beruht deshalb ebenso auf alltäglicher Verlässlichkeit wie auf grundsätzlichen Erwägungen. Können die Einträge institutionelles Versagen überstehen? Kann ein Anbieter wechseln, ohne das darauf aufgebaute Netz aufzugeben? Kann eine Verwaltungsstelle für die Macht, die sie ausübt, zur Rechenschaft gezogen werden?

Eine bessere Frage für die nächste Diskussion

Fragen Sie, wer diese konkrete Entscheidung autorisieren kann, wer ihre Kosten trägt und was geschieht, wenn die Verwaltungsstelle ausfällt. Das verrät mehr, als zu zählen, wie viele Arten von Interessengruppen im Raum vertreten waren.

Die Argumentation hinter diesen Fragen finden Sie in Lu Hengs Notiz 73 darüber, wie aus Beteiligung ein Herrschaftsanspruch wurde.