Warum der Kauf von IP-Adressen heute ein Betrug ist – und wie Telekommunikationsunternehmen Billionen Dollar wert werden könnten

Was besitzen Unternehmen tatsächlich, nachdem sie Milliarden für IPv4-Adressen ausgegeben haben?

Konzeptionelle Illustration eines Netzwerkgeräts und seines Schlüssels in einer verschlossenen Glasvitrine; davor liegt eine Zugangskarte.

Für die Nutzung einer Ressource zu bezahlen ist nicht dasselbe, wie über sie zu verfügen. Lu Heng argumentiert, dass dieser Unterschied bei IP-Adressen entscheidend ist.

IPv4-Adressen werden weithin als Vermögenswerte betrachtet. Cloud-Giganten und Telekommunikationsanbieter handeln sie für Milliarden Dollar. Allein Amazon hat knapp hundert Millionen IPv4-Adressen erworben. Alibaba, Tencent, Huawei und andere haben dafür ebenfalls Hunderte Millionen, wenn nicht Milliarden ausgegeben. Doch ein Detail entgeht den meisten Unternehmensleitungen und Finanzvorständen: Keines dieser Unternehmen ist tatsächlich Eigentümer dessen, wofür es bezahlt hat.

In den Vereinbarungen sämtlicher regionaler Internet-Registrierungsstellen (Regional Internet Registries, RIRs) – ARIN, RIPE NCC, APNIC, LACNIC und AFRINIC – wird ausdrücklich festgehalten, dass IP-Adressen kein Eigentum sind. Was Organisationen erhalten, ist ein Dienstleistungsverhältnis: ein Eintrag in einer Datenbank, die von einer privaten Organisation geführt wird. Dauerhaftes Eigentum ist nicht garantiert. Rechtlich und strukturell ist das, was Unternehmen nach eigener Vorstellung „gekauft“ haben, tatsächlich ein langfristiges Mietverhältnis, das Änderungen der Richtlinien und einseitigen Maßnahmen der Registrierungsstelle unterliegt. Wer Gebühren für Jahrzehnte im Voraus bezahlt, obwohl ihm das Nutzungsrecht wieder entzogen werden kann, erwirbt kein Eigentum. Er geht ein falsch bepreistes Mietverhältnis ein. Deshalb ist der Kauf von IP-Adressen im heutigen System faktisch ein Betrug.

Die ursprüngliche Aufgabe der RIRs – die Verteilung des IPv4-Adressraums – endete vor mehr als einem Jahrzehnt. Die Erschöpfung des Adressvorrats erzwang die Entstehung eines Sekundärmarkts, auf dem IPv4-Adressen inzwischen für fünfzig Dollar oder mehr pro Adresse gehandelt werden. Unternehmen wie meines schließen die Lücke, indem sie Adressen vermieten, wo Registrierungsstellen keine mehr zuteilen können. Doch auch der Sekundärmarkt bleibt eingeschränkt, weil echtes Eigentum nicht anerkannt wird. Die Liquidität bleibt künstlich begrenzt: durch Richtlinien statt durch wirtschaftliche Bedingungen.

Überlegen wir nun, was geschähe, wenn Eigentum uneingeschränkt anerkannt würde. Würden IPv4-Adressen den Netzwerken gehören, die sie nutzen, statt der Kontrolle von fünf Monopolen mit voneinander abgegrenzten Zuständigkeitsbereichen zu unterliegen, würde sich der Markt vollständig entfalten. IP-Adressen ermöglichen Dienstleistungen: Eine IP-Adresse für dreißig Cent im Monat kann einen Cloud-Dienst im Wert von dreihundert Dollar tragen. Ein Kostenanteil von 0,1 % ermöglicht also das gesamte Geschäft. Würde diese Grundlage näher an ihrem tatsächlichen wirtschaftlichen Wert bepreist, sähen die Bilanzen der Telekommunikationsunternehmen über Nacht anders aus. Die Marktkapitalisierung vieler Betreiber würde sich vervielfachen – nicht durch Spekulation, sondern durch die Anerkennung von Vermögenswerten, auf die sie bereits angewiesen sind.

Das ist keine abstrakte Theorie. Nehmen wir einen großen Backbone-Betreiber mit mehreren zehn Millionen IPv4-Adressen. Schon zu heutigen Bewertungen kann allein der Wert seines IP-Adressbestands die gesamte Marktkapitalisierung des Unternehmens erreichen oder übersteigen. Bei uneingeschränktem Eigentum und voller Liquidität wäre derselbe Bestand um Größenordnungen mehr wert. Telekommunikationsunternehmen wären dann nicht bloß Dienstleister; sie gehörten zu den größten Eigentümern digitaler Vermögenswerte auf der Welt.

Hinzu kommt eine Sicherheitsdimension. Solange IP-Adressen als Privilegien unter der Kontrolle von Registrierungsstellen und nicht als Eigentum behandelt werden, besitzt das Internet eine eingebaute Schwachstelle, an der es sich abwürgen lässt. Fünf private Organisationen stehen faktisch über jedem nationalen Netzwerk. Ohne Eigentum kann ein Internetanbieter oder sogar das Internet eines ganzen Landes durch Richtlinienentscheidungen oder institutionelles Versagen andernorts lahmgelegt werden. Für kritische Infrastruktur ist das ein unannehmbares Risiko.

Der Weg zu einer anderen Ordnung erfordert keine sofortige Revolution. Er erfordert einen ersten Schritt: eine verpflichtend gewährleistete Portabilität von Nummernressourcen. Wenn eine Registrierungsstelle schlechte Arbeit leistet, ihre Macht missbraucht oder unter politischen Einfluss gerät, müssen Netzwerke das uneingeschränkte Recht haben, ihre Registrierungen zu einer anderen RIR zu übertragen. Portabilität schafft Wettbewerb. Wettbewerb erzwingt Rechenschaft. Und Rechenschaft ist die Voraussetzung für jeden glaubwürdigen Anspruch auf treuhänderische Verwaltung. Portabilität schlägt die Brücke zwischen dem heutigen mietbasierten System und einem künftigen System auf der Grundlage von Eigentum.

Das Internet hat seine heutige Größe durch Dezentralisierung, Privatisierung und Marktkräfte erreicht – nicht durch zentrale Kontrolle. Die eindeutige Registrierung von IP-Adressen weiterhin als Monopolaufgabe zu behandeln, widerspricht jedem bewährten Prinzip des Internetwachstums. Eigentum an Nummernressourcen ist nicht radikal; es ist überfällig.

Wenn Telekommunikationsunternehmen Sicherheit wollen, wenn Regierungen Resilienz wollen und wenn das Internet dezentral bleiben soll, statt von zentralen Kontrollstellen beherrscht zu werden, müssen IP-Adressen als das anerkannt werden, was sie bereits sind: grundlegende Vermögenswerte. Die Wahl ist einfach. Entweder tun wir weiter so, als sei Miete gleich Eigentum, oder wir korrigieren die Struktur und ermöglichen die größte Vermögensschöpfung, die der Infrastruktursektor je erlebt hat.