Das Prinzipal-Agent-Problem im Kern der Internet-Governance
Was passiert, wenn diejenigen, die ein System lenken, es weder besitzen noch seine Risiken tragen?

Wer trifft die Entscheidungen, und wer trägt die Folgen? Lu Heng argumentiert, dass die Kontrolle über Internetressourcen bei denjenigen liegen sollte, die das wirtschaftliche Risiko tragen.
Was heute in der Internet-Governance wie ideologische Feindseligkeit gegenüber wirtschaftlicher Tätigkeit erscheint, ist keineswegs ideologisch. Es ist strukturell bedingt. Die Fehlfunktion entspringt einem Prinzipal-Agent-Problem wie aus dem Lehrbuch: Das globale Internet wurde unter die Kontrolle technischer Beauftragter gestellt, denen das von ihnen verwaltete System weder gehört noch wirtschaftlich zugutekommt und die auch nicht in es investieren. Erwartungsgemäß optimierten sie auf Machterhalt, die Sicherung ihrer Rolle und institutionelle Bedeutung statt auf Wertschöpfung.
Die Institutionen der Internet-Governance wurden nie auf Eigentum, Risiko oder Kapitalbildung ausgerichtet. Sie wurden für die Koordination geschaffen. Sobald Koordinierungsorgane Zuteilungsbefugnisse, Kontrolle über Knappheit und Durchsetzungsmacht erlangten, verwandelte sich Koordination stillschweigend in Befehlsgewalt. Nicht aus Bosheit, sondern weil Beauftragte das maximieren, was sie messen und behalten können: Einfluss, Zuständigkeit und Unentbehrlichkeit. Märkte belohnen Wachstum und Effizienz; Bürokratien belohnen Kontrolle und Bestandssicherung.
Technische Fachleute bevorzugen aufgrund ihrer beruflichen Anreize stabile Regelsysteme, die der Legitimität von Verfahren Vorrang vor der Effizienz von Ergebnissen geben. Sie wechseln zwischen Registern, Gremien zur Regelsetzung, Beratungsunternehmen und Compliance-Funktionen. Ihr Humankapital gewinnt an Wert, wenn Institutionen komplexer, undurchsichtiger und stärker zentralisiert werden. Einfachere Systeme verringern ihre Verhandlungsmacht; wettbewerbliche Märkte schmälern ihre Rolle als Torwächter. Daraus entsteht eine natürliche Neigung zu administrativer Zuteilung, künstlicher Knappheit und moralisch aufgeladenen Begründungen für Eingriffe.
Entscheidend ist das fehlende Eigentum. Diese Beauftragten tragen kein Verlustrisiko, wenn Innovation gebremst, Kapitalbildung unterdrückt oder Infrastrukturmärkte zum Stillstand gebracht werden. Sie profitieren auch nicht von den Gewinnen, wenn die Effizienz steigt. Ohne Eigenkapitalbeteiligung, Gewinnbeteiligung oder bilanzielle Betroffenheit fehlt jedes interne Signal, das ihnen sagt, dass Wachstum zählt. In einem solchen System ist wirtschaftliche Tragfähigkeit kein Ziel; die Dominanz über Verfahren ist es.
Deshalb ähnelt die Zuteilung von Internetressourcen zunehmend einer zentral verwalteten Verteilung statt einem marktwirtschaftlichen Austausch. Knappheit wird als moralisches Gut behandelt, das rationiert werden muss, statt als wirtschaftliches Signal, das einen Preis erhalten sollte. Zuteilung wird an Bedingungen geknüpft, widerruflich und politisiert. Die Sprache verschiebt sich vom Nutzen zur treuhänderischen Verantwortung, von Produktivität zum „Gemeinschaftsinteresse“, von Effizienz zu „Fairness“ — intern definiert von denselben Beauftragten, die von den Ermessensspielräumen profitieren.
Entscheidend ist, dass dieses Ergebnis kein ideologisches Bekenntnis zum Antikapitalismus voraussetzt. Es entsteht automatisch, sobald Governance vom Eigentum abgekoppelt wird. Ingenieure werden darin ausgebildet, Fehlermöglichkeiten zu minimieren, nicht Renditen zu maximieren. Erhalten sie die Kontrolle über wirtschaftliche Infrastruktur, ohne dass korrigierende Anreize wirken, schränken, regulieren und zentralisieren sie erwartungsgemäß zu stark. Was wie Feindseligkeit gegenüber Unternehmen aussieht, ist schlicht Gleichgültigkeit gegenüber wirtschaftlichen Ergebnissen.
Das Internet ist jedoch längst kein Forschungsnetz mehr. Es ist ein kapitalintensives, gewinnorientiertes, globales Produktionssystem. Seine zentralen Ressourcen als administrativ rationierte Produktionsmittel zu behandeln, ist wirtschaftlich widersinnig. Kapitalmärkte können unter widerruflichen Rechten, unklarer Bestandsdauer dieser Rechte und einer Durchsetzung nach Ermessen nicht effizient funktionieren. Innovation wird nicht durch technische Grenzen gebremst, sondern weil die Governance berechenbare Renditen unterdrückt.
Die Kontrolle muss deshalb wieder zu denjenigen zurückkehren, die unmittelbar wirtschaftlich betroffen sind. Anteilseigner, CEOs, Gründer und Betreiber, deren Vermögen, Unternehmensbewertung und Überleben von der Geschäftsentwicklung abhängen, sind die einzigen Akteure, deren Anreize strukturell auf langfristige Wertschöpfung ausgerichtet sind. Anders als Beauftragte können sie die Folgen des Scheiterns nicht auf andere abwälzen. Anders als Ausschüsse können sie Konsequenzen nicht unbegrenzt aufschieben. Ihre Anreize sind erkennbar, messbar und werden durch die Märkte durchgesetzt.
Angesichts der Eigenschaften von IPv4 ist diese Neuausrichtung besonders dringlich. IPv4-Adressen bieten eine Chance, wie sie sich nur einmal in einer Generation ergibt: die erste weltweit anerkannte, mathematisch endliche und nicht vervielfältigbare digitale Knappheit, auf der eine ganze Branche beruht. Anders als bei Funkfrequenzen oder Grund und Boden wurde die Knappheit von IPv4 nicht politisch konstruiert; sie ist im Protokoll selbst angelegt. Bei einigen Telekommunikationsunternehmen macht IPv4 bereits zweistellige Prozentanteile der Marktkapitalisierung aus, und sein wirtschaftliches Gewicht nimmt weiter zu.
Ein solch grundlegendes knappes Wirtschaftsgut weiterhin von Bürokratien verwalten zu lassen, die von Beauftragten beherrscht werden und selbst kein Eigentum daran haben, ist nicht bloß ineffizient — es vernichtet Wert. Die Zukunft der Internetinfrastruktur hängt davon ab, IPv4 nicht als moralisches Gut anzuerkennen, das administriert werden muss, sondern als Kapital, dessen Zuteilung diejenigen vornehmen sollten, die die Folgen dieser Entscheidungen tragen.
Solange Anteilseigner und Führungskräfte mit tatsächlicher bilanzieller Betroffenheit nicht die Kontrolle übernehmen, wird die Internet-Governance weiter in Richtung einer zentralisierten Verwaltungslogik driften. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil ungelöste Prinzipal-Agent-Probleme immer dazu führen, dass Macht Vorrang vor Wert erhält.